Leidenschaft und Beharrlichkeit – Wie Johann Lühders trotz Erblindung erfolgreiche Tauben züchtet
Sicherlich durch fundiertes Fachwissen in den Bereichen Genetik und Vererbung und Sorgfalt in der Haltung und Pflege der Tiere. Doch um wirklich erfolgreich zu sein, bedarf es Beharrlichkeit und die Bereitschaft regelmäßig die Perspektive zu wechseln und sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Viele von Ihnen denken bei diesen Eigenschaften sicherlich an Beispiele wie die Beharrlichkeit in der Weiterentwicklung von Kreuzungslinien über Jahren hinweg und den Wiederaufbau der eigenen Zucht nach krankheits- oder raubtierbedingtem Verlust. Doch die Züchterbiografie des erfolgreichen, im Erwachsenenalter erblindeten Züchters Johann Lühders aus Neuenkirchen im Alten Land macht deutlich, dass diese Eigenschaften einen erfolgreichen Taubenzüchter weit über die eigentliche Zucht hinaus ausmachen.

Bereits seit der Kindheit taubenaffin, überzeugte sein Zuchtfreund Peter Feindt Johann Lühders im Jahr 1974 sich nach einigen Jahren Pause wieder der Taubenzucht zu widmen und in den RGZV Jork einzutreten. Nach einem kurzen und nur mäßig erfolgreichen Versuch mit doppelkuppigen Trommeltauben fand Johann Lühders seine Hauptrasse – die Saarlandtauben in Rotfahl und Gelbfahl mit Binden. Schwierig zu züchtende große Formentauben, aggressiv im Umgang miteinander. Doch Johann Lühders wurde kreativ: „Ich hatte überall Tauben, in der Werkstatt, im Hühnerstall und auf dem Scheunenboden – diese Tauben konnte man nicht in einem Schlag halten.“ Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des im Alten Land gegründeten Sondervereins der Saarlandtaubenzüchter und beschickte über Jahre hinweg erfolgreich überregionale Hauptsonderschauen und Sonderschauen des Vereins, sowie VDT-Schauen. Beispielsweise in Dortmund, Münster und Verden.
Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich Johann Lühders’ Züchterbiografie kaum von den Lebenswegen vieler Zuchtfreunde, wie wir wohl alle aus dem eigenen Ortsverein kennen. Doch als er eigentlich in der erfolgreichen Mitte seines Lebens stand, bemerkte Johann Lühders zunehmend den Verlust seiner Sehkraft. Er erhielt die Diagnose Retinitis pigmentosa, eine unheilbare Erbkrankheit, die die Netzhaut nach und nach absterben lässt. Diese schwerwiegende Erkrankung kündigt sich meist durch zunehmende Nachtblindheit an und endet in der vollständigen Erblindung. Für den aktiven und lebensfrohen Züchter war diese Diagnose ein schwerer Schlag angesichts dessen sich viele – und das wäre durchaus nachvollziehbar – wohl schweren Herzens dazu entschieden hätten, ihr Hobby aufzugeben.
Johann Lühders entschied sich bewundernswerterweise seiner Leidenschaft auch mit zunehmendem und schließlich vollständigem Verlust der Sehkraft treu zu bleiben. Statt aufzugeben, suchte er nach einer anderen Rasse, die besser zu seiner veränderten Lebenssituation passte. Er wählte die Kölner Tümmler in Weiß. „So habe ich zumindest mit der Farbe keine Probleme und zutraulicher als die Saarlandtauben sind sie auch“, sagt er und schmunzelt. Dies war vor knapp 20 Jahren.
Nach wie vor züchtet Johann Lühders seine Tauben eigenverantwortlich. Um die Tiere ohne Hilfe betreuen zu können, hält er einen kleinen, aber feinen Stamm von höchstens sechs Paaren. Er reinigt den Stall, füttert die Tiere und fängt die Kölner Tümmler selbst. Während der Zuchtsaison hilft seine Frau Karin Lühders beim Ablesen und Aufschreiben der Ringnummern, den Stammbaum jedes Tiers hat Johann Lühders dabei im Kopf. Auch in der Selektion der Tiere macht Johann Lühders so viel wie möglich selbst, holt sich aber gezielt Unterstützung in den Aspekten, die ihm krankheitsbedingt schwerfallen. Die Figur der Tiere kann er selbst durch Ertasten kontrollieren. Er fühlt mit den Händen, ob die Jungtiere den im Standard geforderten runden Tümmlerkopf zeigen und die Stirn entsprechend ausgebildet ist. Auch die Länge der Tauben kontrolliert er auf diese Weise. Bei der geforderten aufrechten Haltung und den Augenpunkten hilft sein Neffe Volker Tamcke. Die beide, sind mittlerweile ein seit Jahrzehnten eingespieltes Team!

Bei der Vorbereitung seiner Tümmler für Ausstellungen überlässt Johann Lühders hingegen nichts dem Zufall – das Waschen der Tiere, das Reinigen von Ringen und Füßen sowie die Schnabelpflege übernimmt er ausschließlich selbst. Und das Ergebnis gibt ihm Recht, denn der sehr gute Pflegezustand seiner Tauben wird ihm auf den Ausstellungen immer wieder bescheinigt. Als Aussteller ist er im Kreisverband Elbe-Weser; insbesondere auf der Niederelbeschau in Jork, auf den Ausstellungen befreundeter Vereine und auf der Kreisschau anzutreffen. Dort konnte er in 2024 erneut die Note Vorzüglich erreichen.
Johann Lühders’ Züchterbiografie ist beeindruckend und gleichzeitig ermutigend, denn sie veranschaulicht, wie es gelingen kann in einer scheinbar ausweglosen Situation die eigenen Fähigkeiten zu nutzen, kreativ zu werden und seiner Leidenschaft treu zu bleiben. Aus ihr wird aber auch deutlich, dass dies nur gelingen kann, wenn Züchter sich gegenseitig unterstützen.

