Zuchtstand der Wiener Gansel in der Schausaison 2025
Die Schausaison 2025 der Wiener Gansel umfasste mit der Hauptsonderschau (HSS) des SV der Züchter Wiener Gansel Hamburg e.V. anlässlich der Lipsia-Bundesschau und VDT-Schau in Leipzig sowie der 7. Rassebezogenen Europaschau (RBES) der Wiener, Budapester und Prager Tümmler in Straßkirchen zwei Höhepunkte und bot damit einen sehr guten Überblick über den aktuellen Zucht- und Bewertungsstand dieser traditionsreichen Rassetaube. Die HSS stellte den nationalen Vergleich in den Vordergrund, während die RBES diesen Blick um die internationale Perspektive erweiterte und den fachlichen Austausch zwischen Züchtern und Preisrichtern aus verschiedenen Ländern förderte.

(Werner Rose, Hechthausen)
Das Wiener Gansel ist eine Taubenrasse innerhalb der Gruppe der Wiener Tümmlertauben und ist eng mit der Taubenzuchttradition der Donaumetropole verbunden. Es gehört zu den hochstirnigen, kurzschnäbligen Wiener Rassen und zeichnete sich früh durch den würfelförmigen Kopf, den fast kurzen, kolbigen Schnabel sowie die charakteristische Ganselzeichnung aus. Diese Kombination aus markantem Erscheinungsbild und anspruchsvoller Zucht machte die Wiener Gansel zu einer Liebhaberrasse, deren Erhaltung und Weiterentwicklung bis heute ein hohes Maß an züchterischem Können erfordert. Die Zuchttierbestandserfassung des BDRG des Jahres 2024 registrierte 23 Zuchten mit 103 Zuchtpaaren in vier Farbenschlägen und damit erfreulicherweise ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr (2023: 20 Zuchten mit 96 Zuchtpaaren). In Summe wurden auf der HSS und RBES 108 Einzeltiere sowie eine Voliere und 2 Stämme (Paare) der Wiener Gansel präsentiert.

(Bernd Wolf, Penkun)

(Reinhold Schulz, Pleystein)

(Werner Rose, Hechthausen)

(Werner Rose, Hechthausen)
Die HSS der Wiener Gansel war in dieser Schausaison der 129. Lipsia-Bundesschau und 74. Deutschen Rassetaubenschau in Leipzig angeschlossen. Die zuchtstandbezogene Bewertung der Einzeltiere übernahm „Gansel-Experte“ Lutz Witte (PV Sachsen-Anhalt), dem der SV an dieser Stelle seinen Dank aussprechen möchte. Eine tolle Voliere im schwarzen Farbenschlag zeigte eindrucksvoll das zutrauliche und zugleich agile Wesen der Rasse. Alle Hauptrassemerkmale waren hier in hervorragender Weise ausgeprägt, nur ein kleiner Wunsch nach mehr Randfeuer verhinderte die Höchstnote (hv: Rose). Die Einzeltierpräsentation begann mit sechs schwarzen Wiener Ganseln von einem Aussteller (sg95: Wolf). Die meisten Tiere überzeugten durch einen kompakten, harmonischen Körperbau, den geforderten tiefen Stand, ausgeprägte Würfelköpfe sowie in Farbe und Zeichnung. Gleichzeitig zeigten sich züchterische Ansatzpunkte, die im Wunschbereich vermerkt wurden: Bei einzelnen Tieren wäre ein kolbigerer Schnabel (d.h. Ober- und Unterschnabel sind ungefähr gleich stark, breit an der Basis, an der Spitze zusammenschließend und bilden einen stumpfen Abschluss) mit etwas gehobenerem, zur Schädeldecke parallel verlaufenden Schnabelsitz, wünschenswert. Auch eine festere Rückendeckung und ein tiefer angesetztes Nackenweiß sollten weiter angestrebt werden. Eine gute Orientierung zur idealen Farbbegrenzung im Nacken bietet dabei das Standardbild. Zu Einträgen in die Mängelspalte führten hingegen ein zu blasser Augenrand, ein vollständig durchgefärbter Rücken sowie ein deutlich senkender Schnabel. Zwei Aussteller zeigten zehn rote Gansel (hv: Schulz, sg95: Rose). Die Vorzüge lagen vor allem in den gut proportionierten Figuren mit breiter, gewölbter Brust, in der ansprechenden Kopfform sowie in der Ausprägung eines breiten und tiefen Latzes, der das Gesamtbild positiv prägte. Wünsche bezogen sich auf noch waagerechter eingebaute Schnäbel, eine verbesserte Rückendeckung, durchgefärbte Keile sowie intensiver gefärbte, feurigere Augenringe (Masken). Zu beachten ist, dass der deutsche Standard weiße Federn im Keil ausdrücklich gestattet – dies zugunsten von langen und breiten Lätzen. Farbige Federn sollten aber möglichst durchgefärbt und nicht schimmlig sein, was natürlich auch für das Rückenherz gilt. Darüber hinaus wären bei einigen Tieren eine reinere Schwanzfarbe ohne Blauanteile bzw. Ruß und ein insgesamt noch tieferer Stand wünschenswert. Bei wenigen Tieren musste ein intensiveres Putzen zur Verbesserung der geforderten Abgrenzung zwischen weißen und farbigen Gefiederarealen angemahnt werden – hier gilt gerade bei den Ganseln: „Putzen bringt Nutzen!“. Je zehn blaue und blau-gehämmerte Gansel aus einer Zucht hielten die Fahne für diese Farbenschläge hoch und zeugten von großem Engagement der Familie Rose zur Erhaltung und Verbesserung der Blaureihe (sg95: Rose). Viele Tiere überzeugten durch kurze Figuren, eine rassetypische Schnabelform mit gutem Einbau, eine markante Ausprägung des Hinterhauptes sowie einen ansprechenden Stirnaufbau. Auch die Latzausprägung zeigte sich verbessert. Im Wunschbereich wurde vermehrt festgehalten, dass das Rückenherz farblich noch sauberer ausgeprägt sein sollte. Zudem wären eine vollere Brust, teilweise ein noch waagerechterer Schnabeleinbau, lebhafter gefärbte Augenränder und eine insgesamt bessere Rückendeckung von Vorteil. Zu einer Abstufung auf die Note gut führten hingegen einzelne Mängel wie zu blasser Augenrand sowie eine unreine Rückenherzfarbe. Im Farbenschlag blau-gehämmert zeigte die Kollektion den erwarteten engen züchterischen Bezug zu den blauen Wiener Ganseln mit analogen Vorzügen, Wünschen und Mängeln und bestätigte insgesamt einen soliden Zuchtstand. Speziell für diesen Farbenschlag sollten zudem das Brustvolumen und eine klarere Zeichnung in der Hämmerung noch stärker in den Fokus rücken.

(Georg Sattelecker, A-Mauerkirchen)

(Reinhold Schulz, Pleystein)

(Johann Lösch, A-Wildungsmauer)

(Peter Randa, A-Vösendorf)
Nachdem die letzte RBES in Leipzig 2019 schon einige Jahre zurücklag, fand in diesem Jahr dieses Ereignis der besonderen Art wieder statt: Die 7. RBES wurde federführend vom Rassegeflügelzucht- und –erhaltungsverein Gäuboden und Umgebung e.V. Sitz Straßkirchen um den Vorsitzenden Franz Hiergeist und dem österreichischen SV-14 der Wiener und Budapester Tümmler-Taubenrassen um seinen Obmann Richard Weiß in der Gäubodenhalle in Straßkirchen in hervorragender Weise organisiert. In Österreich scheinen die Wiener Gansel derzeit im Zuge der Erhaltungszuchtaktivitäten des SV-14 wieder einen hoffnungsvollen Aufwind zu erleben. Die Beteiligung österreichischer und deutscher Züchter der Wiener Gansel ermöglichte einen direkten Vergleich über die Ländergrenzen hinweg und förderte den züchterischen Austausch. Es erscheint wünschenswert, auch nach dieser RBES die Bemühungen um den Erhalt und die Verbesserung der alten Wiener und Budapester Taubenrassen grenzübergreifend stärker zu bündeln, z.B. durch Diskussion eines Europastandards für Rassen, bei denen dieser noch nicht vorhanden ist und auch zukünftige gemeinsame Schauen bzw. Veranstaltungen. In der Stammschau – hübsch dekoriert mit einem Aufsteller, auf dem auch das Taubenhaus im Schloßgarten Schönbrunn abgebildet ist, zusammen mit den Taubenplastiken als Blickfang und Treffpunkt für die Züchter – präsentierte Richard Weiß drei schöne schwarze, gelbe und blaue Paare der Wiener Gansel in historischen weißen „Schausteigen“. Die Kollektion der Einzeltiere bewertete „Wiener-Experte“ Wolfgang Meyer (D) mit geübtem Blick und viel Fingerspitzengefühl im Hinblick auf die spezifischen Herausforderungen der Rasse – dafür vielen Dank! Eine ansprechende Sammlung waren die 24 schwarzen Gansel von vier Ausstellern (v EC: Sattelecker; hv: Randa, Schulz). Sie überzeugten im geforderten waagerechten und tiefen Stand, Würfelkopf, Schnabelstärke und -einbau sowie Brustfülle. Wünsche bezogen sich auf die Zeichnung, stumpferen Schnabelabschluss, noch kürzere Hinterpartien und mehr Rückendeckung sowie auch intensiver rot gefärbte Augenränder. Der Halsverlauf sollte gerade sein ohne „Einziehen“, kein lockeres Gefieder am hinteren Hals oder gar einen Ansatz zum „Hengstnacken“ zeigen. Einige wenige Tiere hatten Probleme mit der korrekten Augenfarbe, d.h. sie zeigten mehr oder weniger perlfarbige Anteile in der Iris, was zum Eintrag in die Mängelspalte führte. Beim Wiener Gansel wird eine dunkle Irisfarbe gefordert, die nur im gelben Farbenschlag etwas ins Rötliche tendieren darf (sog. „Kirschauge“). Im Deutschen Rassetauben-Standard ist im Kapitel Fachausdrücke der Begriff „gebrochene Augen“ definiert als teilweises Fehlen der geforderten Pigmentierung der Iris. In den AAB VII. Nr. 7j sind die Augen betreffende Ausschlussfehler aufgelistet, die zur Note u führen: Vorverlagerung des Augapfels („Froschaugen“), andere als im Standard geforderte Augenfarbe, gebrochene oder zweierlei Augenfarben und Pupillenveränderungen. Die Augenfarbe gilt dabei als gebrochen, wenn mehr als ein Drittel des Auges eine andere als die geforderte Irisfarbe zeigt. Kleinere dunkle oder pigmentierte Flecken sind je nach Rasse grobe oder leichte Fehler. In betroffenen Zuchten der schwarzen Gansel sollte dieses Merkmal bei der Auswahl der Zucht- und Ausstellungstiere hinreichend Beachtung finden, insbesondere auch dann, wenn schwarze Tiere in andere Farbenschläge zur Verbesserung bestimmter Merkmale eingepaart werden sollen. Zwölf rote Wiener Gansel von zwei Ausstellern vertraten diesen Farbenschlag würdig (v EC: Randa). Der V-Täuber bestach durch einen erstklassigen Würfelkopf mit viel Markanz und einem absolut waagerecht eingesteckten, dicken und kolbigen Schnabel. Die meisten Tiere zeigten auch einen hohen und breiten Stirnaufbau sowie feurig-rote Masken. Hinzuarbeiten ist auf eine korrektere Rückenabdeckung, teilweise noch tieferen Stand, durchgehend farbiges und ausreichend breites Brustband und eine reinere Schwanzfarbe. Die Schwanzfarbe sollte intensiv und satt rot sein, was einige Tiere auch zeigten. Bläuliche, rußige oder schimmlige Anteile im Schwanz mit Decke und Keil sind nicht erwünscht. Bei Alttieren ist beim derzeitigen Zuchtstand allerdings Milde geboten, da mit zunehmendem Alter oftmals schwarzes Pigment in Form von Ruß im Schwanzbereich zunimmt. Ein „Schildchen“ oder „Schiffchen“, das beim Prager Tümmler gefordert ist – der Standard schreibt dazu: „Die inneren Handschwingen heben sich leicht nach oben ab, dadurch ist der Rücken nicht ganz abgedeckt.“ – gehört nicht zu einem typvollen Wiener Gansel. Ähnliche Vorzüge und Wünsche wie bei den Roten waren auch bei den acht gelben Wiener Ganseln von zwei Ausstellern erkennbar (hv: Randa). Die meisten Tiere erfreuten durch prima Stirnaufbau, Schnabelsubstanz, feurige Masken und eine gleichmäßig gelbe Farbe. Die Schnäbel sollten teils noch stumpfer sein, was durch Zuchtauswahl erreicht, aber auch durch Schauvorbereitung optimiert werden kann. Ebenso ist auf eine korrekte Rückendeckung sowie auf einen breiten und langen Latz mit tiefem Ansatz im Nacken zu achten. Überraschend und erfreulich die 28 Wiener Gansel von vier Züchtern, die damit zahlenmäßig den stärksten Farbenschlag stellten (v EC: Randa; hv: Löschl, Wagner). Der überwiegende Anteil der Tiere hatte die richtige Größe bei kompakter Figur mit breiter und gewölbt-hervortretender Brust sowie den geforderten tiefen Stand mit waagerechter Haltung. Auch überzeugte bei der Mehrzahl eine reine, taubenblaue Farbe im Rückenherz. Ansätze zur Hämmerung oder Eulung (heller oder dunkler Saum) und Ruß (Sooty-Faktor) dürfen hier nicht erkennbar sein. Für die Zukunft sollte auch auf noch kantigere, markantere Würfelköpfe mit breiter und hoher Stirn hingearbeitet werden. Im Mittel erscheinen die Schnäbel der Blauen etwas länger zu sein als bei den vorangehend besprochenen Farbenschlägen, was aber kein Problem darstellt, solange genügend Substanz und ein stumpfer Abschluss realisiert werden. Leider war bei der Mehrheit der zur RBES gezeigten blauen Tiere der Schnabeleinbau nicht ganz waagerecht, sondern senkte mehr oder weniger stark. Die Verbesserung dieses Merkmals könnte ein Zuchtschwerpunkt in den kommenden Jahren sein, evtl. auch durch Anleihen bei den schwarzen Ganseln. Im direkten Vergleich zu den Schwarzen und Roten erschienen bei den Blauen die Masken etwas schmaler. Der Standard fordert die Augenränder flach und zwei- bzw. dreireihig, bis zur Schädeldecke reichend und lebhaft rot. Auch hier liegen noch Verbesserungspotenziale. Nicht vernachlässigt werden darf weiterhin die korrekte Rückendeckung. Flügel und Schwanz dürfen nicht „hängen“ und der Bürzel sollte nicht nach oben durchgedrückt erscheinen wie z.B. beim Berliner Kurzen, Englischen Short Faced Tümmler oder Staparer Tümmler. Insgesamt waren die blauen Wiener Gansel aber eine ansprechende Kollektion mit einer zunehmenden Zuchtbasis im Mutterland der Rasse.
Im Jahr 2026 plant der SV der Züchter Wiener Gansel seine HSS wiederum anlässlich der Lipsia-Bundesschau in Leipzig durchzuführen. Ebenso plant dieser, eine weitere SS der VDT-Schau in Ulm anzuschließen. Bei Fragen zu den Wiener Ganseln, den Sonderschauen oder bei Interesse an Zuchttieren stehen die Mitglieder des SV gerne zur Verfügung (Kontakt: Werner Rose, Lerchenweg 2, 21755 Hechthausen, Telefon 04774 1330, E-Mail: gruenes-haus@online.de). Als Hilfestellung für Züchter und Preisrichter stellt der SV eine illustrierte Bewertungshilfe gegen einen Obolus zur Verfügung.
Prof. Dr. Markus Freick, Werner Rose, Jürgen Haufschildt



