Antwort auf: Jungtaubenkrankheit in 2020

#24824
Martin Gangkofner
Teilnehmer

Hallo Zuchtfreunde,

der Beitrag von Maik Löffler ist sehr informativ, da hätte sich auch die Fahrt nach Nürnberg gelohnt.
Speziell die Seite 9 (gelber Hintergrund) hat so viele wichtige Botschaften, die leider zu viele Leser nicht erreichen.
In diesen Foren wird immer wieder über das Wohl unserer Tiere gesprochen, auf das zu achten ist. Auf Punkte, wie Besatzdichte, Über-Typisierung usw. muß mehr geachtet werden. Korrekt, das ist durchaus erstrebenswert.
Doch meines Erachtens haben weitere schwerwiegende Probleme. Einige aktuelle Beispiele aus der Praxis möchte ich kurz ansprechen.

Noch immer haben die allermeisten Taubenfuttermischungen einen Hülsenfrüchte-Anteil, der nicht annähernd in dieser Höhe gerechtfertigt ist. Hülsenfrüchte sind eben nicht die idealen Eiweißlieferanten, um hier für eine ausgewogene Ernährung zu sorgen. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis und wurde von Herrn Töllner schon vor über 10 Jahren propagiert. Umsetzung?
Anstatt auf genügend Rohfaser zu achten, werden Körner geschält. Auch der Energie-Gehalt ist fast durchwegs für unsere Haltungsmethoden (Voliere mit eingeschränkter Bewegung)zu hoch.
Nachdem die Futtermittelindustrie es nur bedingt schafft, hier Mischungen anzubieten, die bedarfsgerecht sind, war ich gezwungen, meine eigene Mischung zu kreieren. Mit nur 5% Wicken (keine weiteren Hülsenfrüchte) und ohne Mais und dafür geringerem Energie-Gehalt; dafür mit ausreichend Rohfaser-Anteil.
Ein befreundeter Strasser-Züchter, dem ich die Mischung auch empfohlen habe, wurde von seinen SV-Mitgliedern belächelt. So kommen die Tiere nie auf das nötige Gewicht und mit einer Kröpfer-Mischung hast Du hier gleich verloren.
Ergebnis: Die Strassertauben kommen locker auf ihr Gewicht und haben zudem ein rosafarbenes Brustfleisch. Die Tiere sind deutlich agiler, der Nachwuchs gedeiht bestens, Befruchtung deutlich besser und kaum Ausfälle in der Nachzucht; attraktives Kotbild obendrein.
Attraktiver Nebeneffekt – der Futterverbrauch geht zurück. Eine bedarfsgerechte Versorgung hat einen geringere Futteraufnahme zur Folge und der höhere Rohfaser-Anteil sorgt für eine längere Sättigung sowie einen längeren Aufenthalt im Darm.

Medikamenten-Mißbrauch – Vorbeugende Kuren gegen Trichomonaden, Kokzidien, Würmer und vielleicht noch einen verbotenen Antibiotika-Cocktail (z.B. 4 in 1; ganz neu 8 in 1) hinterher, sind mehr oder minder die Regel als die Ausnahme.
Oder Züchter, die vor dem Impfen noch eine Kur machen, damit die Tiere auch ja sauber für die Impfung sind und diese wirkt! Daß diese Maßnahmen für einen funktionierenden Impfschutz genau kontra-produktiv sind, glaubt man nicht.
Leute, wenn wir hier so weiter machen, dann wird das mit Corona nur ein Nebenschauplatz, weil wir fast nur noch resistente Keime haben; nicht nur die Tauben im Stall, sondern auch der Züchter und sein Umfeld. Die Wissenschaft geht davon aus, daß wir in weniger als 30 Jahren kein wirksames Antibiotika mehr haben werden. Dann stehen wir wieder in der Zeit vor der Entdeckung des Penicillins. Mag sein, daß dies manche von uns nicht mehr erleben. Aber mit den Auswirkungen, die von Jahr zu Jahr schlimmer werden, wird er bereits heute konfrontiert. Und das familiäres Umfeld mit Kinder und Enkelkinder hat die Folgen länger zu tragen.
Hier müssen wir zuerst ansetzen bzw. der Gesetzgeber wirksamere Kontrollen einbauen und die Strafen erhöhen.
Jetzt mag mancher erwidern, daß dies im Nutztierbereich mit Intensivhaltung schlimmer ist. Nun, nur bedingt, da hier wenigstens Kontrollmechanismen greifen. Bei uns Hobby-Züchtern greift hier gar nichts!!!!

Dauerhaftes Ansäuern des Tränkwassers oder die Gabe von Chlor, um ja alles steril/keimfrei zu machen. Der versierte VDT-online-Leser kennt die hier geführten Diskussionen. Die immer noch aktiv angebotenen Ameisen-Propion-Säure-Gemische werden weiterhin nachgefragt und gegeben. Gerade der modern geführte Nutztierbereich hat schon längst erkannt, wie wichtig eine gesunde und leistungsfähige Darmflora zur Gesunderhaltung und für die optimale Entwicklung ist. Und unsere Taubenzüchter? Wann werden sie den Fortschritt erkennen und was verändern?
Letztes Jahr habe ich eine Vereins-Versammlung besucht, wo der Referent Chlor als Gesundheitsbringer angepriesen hat; vorrangig zur Gabe über das Tränkwasser. Chlor gehört zu den Stoffen, die nicht verstoffwechselt werden können, also im Körper nicht abgebaut werden und sich dort lebenslang anreichern; mit allen gesundheitsschädlichen Folgen. Nicht nur beim Tier, sondern auch, wenn sich der Züchter einen Taubenbraten schmecken lässt. Da fehlen mir die Worte!

Die Fachverbände sollten das Thema Qualifizierung ihrer Züchter voran treiben, was eine wahrlich nicht leichte Aufgabe ist. Wenn ich mich an das von Reinhard organisierte VDT-Forum in Kassel erinnere. Dann kann ich nur sagen, daß die Zuschauer-Reaktionen als Spiegelbild für die aktuelle Situation und Wahrnehmung dienten.

Ich habe mal geschrieben, daß die aktuelle, mit Covid-19 geprägte Zeit, ein Umdenken bringen könnte. Ich hoffe dies immer noch, aber die Hoffnung nimmt stetig ab.

Schöne Grüße aus Niederbayern

Martin Gangkofner